Das Projekt "Blau" hat eine Woche Pause gehabt, weil wir Kunstvermittlung auf der ART COLOGNE betrieben haben. Mit öffentlichen Führungen und zahlreichen VIP Führungen konnten wir den Besuchern aus der Fülle von 200 Galerien und vielen neuen und bekannten Künstlern eine Auswahl gedanklich so verpacken, dass sie mitnahmen, welches Erscheinungsbild mit der diesjährigen Kunstmesse verbunden ist. Wir haben viele begeisterte Rückmeldungen erhalten. Das ist für unsere Arbeit immer der allergrößte Lohn. Aber auch die vielen Gespräche, die mit den anwesenden Galeristen und Künstlern entstanden sind, waren ein absolutes Highlight. Stellvertretend für das Team vor Ort, habe ich Angela Huemer gebeten, ihre persönlichen Highlights von der Messe für uns zu schildern.

 

Angela Huemer hat in Salzburg Kommunikationswissenschaft und Kunstgeschichte studiert und anschließend ein Postgraduate-Studium im Bereich Dokumentarfilm an der Boston University, USA absolviert.  1993 erlangte sie mit ihrem Abschlussfilm, „Netty Schwarz Vanderpol – Every Stitch a Memory“ über eine Holocaust-Überlebende, ihren „Master of Science“. Der Film wurde bei bei der Diagonale 1994 (in Salzburg), sowie dem Alpe Adria Festival in Triest und dem London Jewish Film Festival präsentiert.
Seit einigen Jahren ist sie freiberufliche Journalistin, Filmemacherin und Übersetzerin und lebt in Salzburg und Köln. Einen Dokumentarfilm- und Ausstellungsprojekt über das Kinderbuch "Bibi" hat sie als Gaststipendiatin an der Kunsthochschule für Medien in Köln erarbeitet. Derzeit arbeitet sie an zwei Dokumentarfilmprojekten, „Jacopo“(über das Erinnern) und „Der tödliche Traum Europa“ (über das Schicksal zehntausender Bootsflüchtlinge).


Mitunter sind es die kleinen Dinge, die unscheinbaren. Die, die man zuerst übersieht, bevor man darauf aufmerksam gemacht wird oder beim Vorbeigehen etwas verspürt – eine Neugier, eine Affinität, den Wunsch, mehr darüber zu wissen, zu verstehen, warum gerade diese bestimmte Arbeit eine so starke Wirkung ausübt. Die ersten beiden Tage auf der Art Cologne waren überwältigend, am ersten wurde noch alles ausgepackt, aufgebaut, Künstler waren mit dem Aufbau beschäftigt und – wie im Fall von Philipp Goldbach – nahmen unsere freundlichen Blicke und rasches Vorübergehen mit ebenso freundlicher Gelassenheit auf.Am zweiten Tag dann die Pressekonferenz – was auf der Messe selbst noch so eine Art „Ruhe vor dem Sturm“ bedeutete, gespannte Erwartung, bei der man so manchen Galeristen ansprechen konnte und wertvolle Hinweise zu den Künstlern und den Kunstwerken erhielt, bzw. die Zusage, gerne zur Verfügung zu stehen, falls die Besucher Fragen haben.

Zurück zu den kleinen Dingen. Eine kleine Skulptur von bei der Galerie Schwarzer ließ mich die ganze Messe über nicht mehr los. Vielleicht war es die Art, wie sie in dem kleinen Seitenraum des Standes platziert war, umgeben von Arbeiten Chagalls, Max Ernst und anderen. Eine kleine bronzene Kuh, die etwas Archaisches ausstrahlt, geschaffen hat sie Ewald Mataré, den ich bislang vor allem durch seine religiösen Arbeiten kannte. Immer wieder musste ich sie sehen, diese Statue. Und gezeigt habe ich sie auch, bei nahezu jeder der Führungen. Dass daneben ein Bild von Marc Chagall hing und drei wunderbare kleine Arbeiten von Max Ernst erwähnte ich stets, aber eigentlich wollte ich nur immer wieder diese Kuh betrachten und herzeigen.

 

„Untitled“, eine New Yorker Galerie die im Rahmen von NADA (New Art Dealers Alliance) bei der Art Cologne in Köln zu Gast war, zeigte Arbeiten von N.Dash – erst am dritten Tag entdeckte ich die blauen und schwarzen Pappkartons, die ihre Materialität gut verbargen, zunächst hielt ich sie für Stoff oder Leinenstücke. Die Künstlerin hatte sie intensiv mit natürlichen Farbpigmenten traktiert, Indigo aus New Mexiko und Graphit. Dann hat sie sie gefaltet und eingesteckt. Weich wurden sie dadurch und Falten gruben sich ein. Sie nahm sie auf Reisen mit und die Falten, die in ihnen eingegraben hatten, verglich mein Kollege David Grasekamp so trefflich und anrührend mit den Falten und Linien unserer Hände, die bei jedem Menschen verschieden sind. Diese Kartons waren unterschiedlich groß, einige gefaltet, andere vollständig sichtbar. Sie alle waren mit nahezu unsichtbaren kleine silbernen Nägeln, bzw. Stecknadeln befestigt.

 

Auf einem anderen NADA-Stand verzückten daumengroße kleine Holzskulpturen mich und auch all die Besucher, denen ich sie zeigte. Der in Winnipeg geborenen Kanadier Paul Cherwick macht sie, inspiriert von japanischen Netsuke-Figuren und der Art wie Native Americans Holz bearbeiten. Sie sind das, was für einen Maler die Skizzen sind, Zeichnungen. Eine jede Figur – keine ist grösser als ein Daumen – hat einen Namen, oder besser einen Titel. So, wie sie gestaltet sind, haben sie auch eine eigene Identität. Meist ist ein Quäntchen Ironie und Humor darin enthalten. Ein dunkler Kopf hat einen Vogelkäfig auf dem Kopf. Es ist der „Holder of Steve’s Gum“, der Kaugummihalter für Steve, ein Freund des Künstlers.

 

Diese kleinen Dinge, die unerwarteten, helfen bei der Bewältigung der Fülle, die die Messe darbietet. Mit jedem Tag wird der Überblick besser und auch der Mut, Dinge, links liegen zu lassen. Da ich selber künstlerisch arbeite war mir sehr wichtig, diejenigen Kunstwerke zu vermitteln, die mich inspirieren. Hier nicht nur die roten Fäden in meiner eigenen Arbeit zu reflektieren, sondern auch den Dialog zwischen der jungen Kunst und dem Publikum anzustoßen war mir eine große Freude. Das fiel mir besonders bei Philipp Goldbach leicht, der in der Zeit, in der ich Stipendiatin an der Kunsthochschule für Medien war, dort sein Grundstudium absolvierte. „Archäologie der Medien“ kam mir in den Sinn, das Buch, das der Gründungsrektor der Kunsthochschule für Medien, Siegfried Zielinski, 2002 veröffentlichte. In seinem Buch widmet Zielinski sich den „frühen Phantasten und Modellierern“, die „vom medienwissenschaftlichen Diskurs bis dahin praktisch ausgeschlossen waren“.  (Empedokles, Giovanni Battista della Porta, Athanasius Kircher). In der Einleitung zu seiner „Tiefenzeit der Medien“ verweist Zielinski auch auf ein Projekt, das mir angesichts Goldbachs Arbeit nach sehr langer Zeit wieder in den Sinn gekommen war. Das „Dead Media Project“, in dem der Amerikaner Bruce Sterling mithilfe einer Mailingliste seit 1995 eine Art virtueller Enzyklopädie weggeworfene Artefakte und Systeme aus der Geschichte der technischen Medien sammelte. In seiner von der Galerie Annely Juda präsentierten Arbeit “Phototype (Diatype/Letterphot)” zeigt Goldbach Fotos von Matritzen alter Lichtsetzmaschinen aus den 1960er und 70er Jahren.  Auf der Messe ist auch eine solche Maschine zu sehen. “Der Foto- oder Lichtsatz ("phototypesetting") ist die Verbindung von analoger Fotografie und Schriftsatz. Er stellte für ca. 30 Jahre das Bindeglied zwischen Gutenbergs Verfahren des beweglichen Letternsatzes und der Digitalisierung der Druckvorstufe in den 1980er Jahren dar. Matrizenscheiben unterschiedlicher Setzmaschinenmodelle wurden als Fotogramme auf lithografischen Film belichtet” erklärt Goldbach auf seiner Internetseite.