Er nimmt sich Zeit. Zur Vorbereitung seiner psychologischen Bildbetrachtungen geht Hans-Christian Heiling oft mehrmals ins Museum und analysiert die Kunst erst einmal für sich selbst durch. Daraus entsteht dann die Grundlage für die Arbeit mit den Teilnehmern seiner besonderen Kunstbetrachtungen. "Ja, unser Ansatz läuft gegen das kunsthistorische Analysieren. Aber aus meiner Erfahrung wird durch dieses meist das Erleben von Kunst versperrt!" Dass die Kunstbetrachtung ohne Beschriftungen, ohne zunächst Daten und Fakten aufzuzählen, ein wunderbarer Vermittlungsansatz sein kann, zeigen Museums-Präsentationen wie in Kolumba oder der Museumsinsel Hombroich. Wenn die Museumspädagogik den Begriff "Partizipation" ernsthaft verfolgen will, dann gilt es sicher auch ein Stück weit zu lernen von solchen außergewöhnlichen Ansätzen, wie sie die psychologische Bildbetrachtung bietet. Diese entstand Mitte der 90er Jahre aus der Arbeit Professor Salbers an der Uni Köln und hat sich bis heute weiterentwickelt. Hans-Christian Heiling nutzt sie mittlerweile sogar für die Unternehmensberatung. Doch auch mit schwierigen Schulklassen oder Krebspatienten macht er erstaunliche Erfahrungen, wenn sie unter Anleitung auf Erlebnisreise ins Museum gehen können. 

 

"Kunst erklärt und Kunst zeigt auf", sagt Heiling, der in erster Linie auf Beschreibung setzt. Diese auch theoretisch festgeschriebene psychoanalytische Methode steht für ihn am Anfang der Bildbetrachtung. Während des Betrachtungsprozesses bildet sich eine Gestalt, die verfolgt, in welche Verhältnisse das Kunstwerk den Betrachter bringen kann. Im Idealfall durchlebt dieser das Kunstwerk und gerät in Kontakt mit Phänomenen wie "Übergang", "Religion" aber auch "Schwäche", "Stärke". Ist die Bestandsaufnahme abgeschlossen, fragt Heiling "in die Pole hinein". Hier nutzt er ein streng methodisches Vorgehen, welches der Frage nachgeht, was "eigentlich los ist" beim jeweiligen Betrachter. Darüber fangen die Teilnehmer an, auch sich selbst zu verstehen.

In seiner Dissertation stellt Heiling sich in die Tradition einer qualitativen Psychologie und bezieht sich auf Wilhelm Dilthey, dessen Ansatz er in drei Aspekten zusammenfasst: Seelisches existiert von vorneherein immer in Zusammenhängen; der Zusammenhang des Ganzen wird durch Verhältnisse bestimmt; Seelisches ist immer in Entwicklung und hat eine bestimmte Richtung. Mit dieser theoretischen Grundlage hat Heiling sich mit der Ausstellung der Schuhe von Vincent van Gogh angenommen, die 2009/2010 im Wallraf-Richartz-Museum zu sehen war. In der außergewöhnlichen Konzentration auf ein einziges Kunstwerk fand er damals die perfekten Voraussetzungen für seine Arbeit. Seine Thesen: "Wenn man ein Kunstwerk intensiv betrachtet, gerät man in dramatische Geschichten zu einem bestimmten Thema. Diese kann man mit Diltheys Methode „Beschreibung und Verstehen“ am besten erfassen.Man kann von diesen erlebten Geschichten auf allgemeine seelische Strukturen und Gesetzmäßigkeiten schließen.Diese Geschichten und ihre Strukturen kann man nutzen, um Menschen zu beraten oder zu behandeln." In insgesamt 38 Interviews befragte er 55 Menschen. Die Befragungen mit der psychologischen Bildbetrachtung bringen in der Tat spannende Geschichten zu diesem Bild ans Tageslicht.

Mit Bildererleben wird die psychologische Bildbetrachtung auch für interessierte Besucher an den Kölner Museen weiterbetrieben. Wir haben die Termine gerne in unser Programm aufgenommen und freuen uns über spannende Synergien von Psychologie und Kunstvermittlung, die auch unsere Arbeit bereichern können.