Unsere Museen bergen wahre Schätze an Geschichten. Jedes einzelne Ausstellungsobjekt liefert einen riesigen Fundus an spannenden Entdeckungen. Storytelling at it's best! Besonders dann, wenn ein Museum in einem Raum untergebracht ist, der aufgeladen ist mit dem Atem der Geschichte. St. Cäcilien ist so ein Ort. Seit Jahrhunderten stehen die romanischen Mauern an derselben Stelle. Was haben sie alles nicht schon erlebt. Gebete gehört, Verzweifelung und Hoffnung der Betenden miterlebt. Es braucht nur ein kleines Fünkchen Phantasie, um die Geschichten dieses magischen Ortes wieder aufleben zu lassen.

 

Seit 1956 befindet sich das Museum Schnütgen in der romanischen Cäcilienkirche in Köln, der früheren Kloster- und Zunftkirche der Kölner Maler. In der Karolingerzeit entstand an St. Cäcilien ein adeliges Damenstift, das 1475 in ein Kloster der Augustinerchorfrauen umgewandelt wurde. Dieses blieb bis zur Säkularisation 1802 erhalten. Danach diente die Kirche dem ersten öffentlichen Krankenhaus der Stadt Köln als Krankenhauskapelle. Besonders in den unruhigen Zeiten des 30jährigen Krieges bot das Kloster Unterschlupf. Wir unternehmen jetzt eine kleine Zeitreise in das Jahr 1642. Und lernen die Stiftsdame Anna kennen. Mit all ihren Gedanken und Sorgen.

Anna hat ihr Gebetbuch aufgeschlagen und ist doch so unkonzentriert, dass sie die Wörter des Gebetes in den kostbaren Seiten nicht sieht. Ihre Gedanken wirbeln herum wie Irrlichter, wie wilde Fratzengestalten, die durch den Kirchraum hüpfen. Anna hat, anders als ihre Schwester Katharina, die einen wohlhabenden Kaufmann geheiratet und sieben Kinder geboren hat, ein anderes Leben gewählt. Anna wollte ins Kloster und ist seit vielen Jahren Ordensfrau bei den Augustinerinnen.

„Sieben Kinder hatte die Schwester geboren und sechs überlebten den dritten Geburtstag nicht!“ stöhnt die Betende. – „Was itzundt prächtig blüth, sol bald zutreten werden; Was itzt so pocht und trotzt, ist morgen asch und bein;“ diese Gedichtverse gehen ihr nicht mehr aus dem Sinn.

Von den sieben Kindern hatte zum Schluss nur Agnes überlebt, ihre hübsche Nichte! Alle Hoffnung der Familie richtete sich auf die Tochter, die den Sohn eines anderen Kaufmanns heiraten sollte. Anna erinnert sich an das fröhliche Verlobungsfest im Hause der Schwester vor ein paar Tagen.

„Jetzt lacht das glück uns an,“ hatte der Dichter geschrieben.

Eine goldene Zukunft sollten die beiden Brautleute haben! Agnes und ihr Bräutigam Heinrich waren sogar ineinander verliebt! Das kann man nicht voraussetzen, da Ehen von den Eltern geplant werden.

„Ach, was ist alles diß, was wir vor köstlich achten,“

Wie eine böse Vorahnung war das Familienfest durch die Nachricht eines Kuriers unterbrochen worden. Er hatte in drastischen Worten von den Schrecken des Krieges berichtet. Der Mann war vom Bodensee gekommen und hatte die Region am Oberrhein durchquert. Der ganze Landstrich war entvölkert, die Felder verwüstet und verbrannt! Die Soldaten hatten alles Essbare gestohlen und die wenigen Menschen, die die Grausamkeiten überlebten, waren mehr tot als lebendig...

Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein; Wo ietzundt städte stehn, wird eine Wiese seyn,“ – hatte in dem Gedicht gestanden. Wie recht der Dichter hat, denkt Anna.

Damals hörte sie ihren Schwager sagen: „Wie gut, dass Köln so gute Stadtbefestigungsanlagen hat! Erinnert ihr euch noch daran, dass vor ein paar Jahren Deutz von den Schweden besetzt war? Aber da hatten die Kriegsgegner

Pech! Unsere Stadt ist noch niemals erobert worden! – und das wird auch so bleiben! Wie gut, dass ein Großteil unserer Felder und Gemüsegärten innerhalb der Stadtmauern liegen! Auf diese Weise können wir uns selbst versorgen und sind unabhängig!“

Die Festgesellschaft hatte sich darauf nicht weiter mit dem Thema beschäftigt, man freute sich am jungen Glück und den Möglichkeiten, die die Zukunft eröffnen würde.

„Nichts ist, das ewig sey, kein ertz, kein marmorstein.  Jetzt lacht das glück uns an, bald donnern die beschwerden“  Die Dichterworte hatten in Anna nachgeklungen, als sie nach dem Fest auf dem Heimweg ins Kloster war.

Ein paar Tage später hatte sich Agnes schlecht gefühlt und hatte Leibweh. Der Doktor der Universität wurde gerufen, ließ sie zur Ader und verordnete eine Diät. Dann kam das Fieber. In einigen Kirchen wurden Messen für die junge Braut gelesen. Anna und die Mitschwestern beteten Tage und Nächte, aber der Zustand der Kranken verschlimmerte sich. Im Fieberwahn war sie schon in einer anderen Welt und sprach von der „wiesen blum, die man nicht wieder find't!“ Da wussten alle, dass Gevatter Tod sie zu sich holen würde.

Annas Augen füllen sich mit Tränen. Morgen würde Agnes in der Familiengruft in der Kirche ihrer Kirchengemeinde bestattet werden.

„Es ist alles Eitel“ – alles ist nichtig auf Erden. Das hat Geltung für alle Zeit!“

Text "Annas Nachdenken über die Vergänglichkeit der Welt" von Karin Rottmann

Tanzender Tod von Joachim Hennen, um 1680, Elfenbein, H. 14 cm, Museum Schnütgen