Unser tägliches Geschäft ist die Vermittlungsarbeit. Neben dem Sammeln, Forschen und Bewahren ist dies eine der Kernaufgaben eines Museums. Da sich vor allem in der letzten Zeit das Stichwort "Partizipation" einen Weg durch die Institutionen bricht, scheint dieser Aspekt an Bedeutung zu gewinnen. Und da man hier nicht genug Diskurs haben kann, werfe ich einmal einen gesonderten Blick auf die Vermittlungspraxis einer der größten und bedeutendsten Ausstellungen in diesem Jahr. Die dOCUMENTA13 ist schon meine persönliche sechste und obwohl eigentlich die Zeit gerade etwas knapp ist, bin ich am Mittwoch in Kassel gewesen und habe mir 4 Stunden dOCUMENTA gegönnt. Und ich muss sagen, es hat sich gelohnt. Nachdem mir die documenta12 nicht so gut gefallen hatte, war ich dieses Mal auch schon durch die Berichterstattung angeregt und interessiert. Besonders hat mich natürlich die Art der Kunstvermittlung interessiert und ich habe eine dtour gebucht. Ich hatte davon gehört, dass man hier mit sogenannten "Worldly Companions" unterwegs sein würde und man auch nicht zu einer klassischen Führung sondern zu einem begleiteten Rundgang eingeladen würde. Dementsprechend stellte sich auch unsere Begleitung als eine ebensolche vor.

 

Das gefiel mir. Es sollte darum gehen, zu Diskussionen und Gesprächen angeregt zu werden. Einige skeptische Blicke der Teilnehmer ließen mich jedoch ahnen, dass es wahrscheinlich nicht wirklich zu einem anregenden Austausch kommen würde. Und ich sollte recht behalten. Als ich am Ende noch einmal mit unserer Begleiterin darüber sprach, stellte sich heraus, dass sie sogar eine Tasche mit Materialien dabei hatte. Es war angedacht, dass die Gruppe gemeinsam eine Maschine hätte bauen sollen oder auch andere Aktiv-Materialien an die Hand bekommen hätte. Dass diese nicht zum Einsatz kamen, läge an der Gruppengröße, so die Begleiterin, die eine Studentin der Freien Kunst war und sich auf dieses Aktiv-Konzept bei der dOCUMENTA-Leitung beworben hatte. Ein bisschen enttäuscht und geschlaucht von etlichen Teilnehmern, die genau dieses Aktivsein ablehnen würden, hatte sie vor allem aufgrund unserer Gruppengröße davon abgesehen, den eingelaufenen Pfad der klassischen Führung zu verlassen.

 

Dabei hatte eigentlich alles ganz verheißungsvoll angefangen. In "Flora's Garden" von Carol Bove, die verschiedene Skulpturen zu einer besonderen Reihe arrangiert hatte, wurden die Teilnehmer aufgefordert, sich den Skulpturen zu nähern, sie ruhig auch einmal anzufassen (das allein ist ja schon mal eine Ausnahme von der sonst üblichen Rezeptions-Haltung). An dieser Stelle wurde jedoch eine nicht ganz unproblematische Herausforderung solcher Aktiv-Führungen deutlich: es kommt auf die Fragetechniken an. Mit einem unspezifischen Abfragen (welches Material, was ist das Älteste, was das Jüngste usw.) bleibt das ganze Unterfangen eher in einer Situation stecken, bei der es "Informierte" und "Unwissende" gibt. Es fehlt ein entsprechender Impuls, der die Teilnehmer anregt, eigene Erfahrungen zu machen. Ein Fehler, der häufig gemacht wird und sicher auch dazu führt, dass sich schnell wieder die klassische Monolog-Situation einstellt. Hier gilt es, die Perspektive zu wechseln und im Vorfeld der didaktischen Überlegungen heraus zu finden, mit welchen Impulsen man möglicherweise auch ohne Vorwissen auf die vom Künstler intendierten Aussagen kommen kann. Das aber ist die hohe Kunst der Vermittlungsarbeit und erfordert eine gezielte didaktische Schulung.

Die dtours werden zu fünf unterschiedlichen Themenschwerpunkten angeboten und sortieren auf diese Weise die Hauptaspekte der dOCUMENTA13, die den Leitmotiven von Carolyn Christov-Bakargiev folgen. Unser Rundgang folgte dem Leitmotiv "Zeit vermessen, Raum kartieren, Sequenzen erzeugen". Carol Bove hat dies mit ihrem "Gartenzimmer" und den Skulpturen aus unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedlichen Höhen-Niveaus eindrucksvoll eingelöst. Die Konzentration auf ein bestimmtes Thema hat mir sehr gut gefallen. Denn ich habe bislang immer sehr schnell eine Überdosis Kunst verspürt, wenn man versucht, alle Ausstellungsorte nacheinander abzulaufen. Dass man dann auch mal das enge Thema kurzerhand verlassen kann und sich der Frage des "Objektes" nähert, die bei der aktuellen Documenta eine besondere Rolle spielt, habe ich als positiv empfunden.

 

Giuseppe Penones Kunstwerk „Idee di Pietra“ für die documenta 13 2012 - Karlsaue Kassel (Quelle: Wikipedia)

Bei der "Idee di Pietra" des Italieners Penone, die bereits seit 2010 in der Karlsaue installiert wurde und sozusagen als Sonderbotschafter eine der zentralen Ideen der Documenta verbreitet, zeigte sich, dass die klassische Führung an ihre Grenzen stößt. Sicher, man kann "zufüttern", dass es sich bei Penone um einen Vertreter der "Arte Povera" handelt. Wenn es jedoch darum geht, dem Geheimnis dieses Kunstwerkes auf die Spur zu kommen, dann gilt es, beim Rezipienten die Assoziationsketten anzuregen. Das kann so ungeheuer spannend sein. Die Tatsache, dass sich dieses vermeintliche Stück Natur als eine Bronzeskulptur entpuppt, die Frage nach der Befindlichkeit des Steines - eigentlich Steilvorlagen für Kreative Schreibaufgaben, wie zum Beispiel das "Cluster".

Mit dem trail von Natascha Sadr Haghighian leitet ein Kunstwerk zur aktiven Erfahrung der Umgebung ein, die man sich Stück für Stück durch das Erklimmen des Hügels zur Schönen Aussicht erarbeitet. Hier nun kommt es auf einige Hintergrundinformationen maßgeblich an. Man muss wissen, dass dieser Hügel, den man erklimmt, aus Kriegstrümmern aufgeschüttet wurde. Auch die Verbindung zu der Idee der Erweiterung der Documenta mit Ausstellungen z.B. in Kabul, wird an dieser Stelle Bedeutung erlangen. Aus meiner Sicht eine Riesenchance für erlebnisorientierte Ansätze, die die Erfahrungen der Besucher unmittelbar einfangen helfen.

 

Die Arbeit von Maria Loboda war ein herrlicher Schlusspunkt des Rundganges, der auch noch einmal eindrucksvoll auf das spielerische und humorvolle Element hingewiesen hat, welches der 13. Documenta durchaus auch innewohnt. Angeleitet von militärischen Aufstellungen, wie sie schon die alten Römer kannten (und wie sie den Lesern von Asterix und Obelix ja bestens bekannt sein dürften), arrangiert die Künstlerin die Zypressen in den organgenen Kübeln zu immer wieder neuen Formationen. Über den Zeitraum der Documenta nähern sich die Pflanzen der Orangerie und scheinen sich ihren Platz dort zurückzuerobern. "The Work is dedicated to an Emperor" - so nannte sie die Installation. Wie gemacht eigentlich für die Frage, wer beherrscht hier wen. Wäre es nicht auch einmal ein interessanter Ausgangspunkt, über die Konstellation von Rezipienten und Vermittlungsansätzen nachzudenken? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Eher Frontalunterricht und Monologe? Oder kennen Sie spannende Ansätze, Perspektivwechsel oder Fragestellungen in der Kunstvermittlung. Es wäre fantastisch, wenn wir hier einige Beispiele sammeln könnten.