Museumspädagogik triftt auf Theater - und unser Netzwerk an Experten aus anderen Sparten wächst weiter. Wir geben gerne immer wieder Einblicke in unsere tägliche Arbeit und stellen auch sehr gerne unsere Netzwerkpartner vor. Hier lesen Sie ein Interview, das Karin Rottmann mit der Schauspielerin Judith Patzelt führte. Diese hatte mit einer wundervollen und kindgerechten Lesung den Rahmen für die Aktionen rund um den "Wilden Mann" im Museum Schnütgen geschaffen. Darüber haben wir gestern berichtet. Doch jetzt zum Interview:

KR

Ich kann mir vorstellen, nicht alle Schauspielerinnen und Schauspieler arbeiten für und mit Kindern. Wie ist das mit Dir? Hast Du schon mal im Theater Kinderstücke gespielt oder im Theater mit Kindern gearbeitet?

JP
Ja. Kinderstücke habe ich in meinem  ersten Engagement einige gespielt. Die schönste Rolle war Pippi Langstrumpf.  Ein etwas unbekannteres Stück  ist „Der Sprachabschneider“.  Darin geht es um den Verfall der Sprache und darum, dass man  ziemlich viel schaffen kann wenn man nur will und Mut hat und wenn man gute Freunde an seiner Seite hat.  Ich habe viele Publikumsgespräche dazu mit  den Kindern geführt und durfte erfahren, wie sie darüber denken, wie sie so eine Inszenierung aufnehmen  und wie sich die Bühnenrealität mit deren eigener mischt. Spannend! Auch konstruktive Kritik haben wir Schauspieler von den Kindern bekommen. Leider eine Seltenheit im Stadttheaterbetrieb.   Eigentliche Theaterarbeit habe ich mit Kindern und Jugendlichen aber eher direkt an den Schulen gemacht. Ich habe mit einem Literaturkurs der 12. Klasse „Frühlingserwachen“ geprobt und sie in schauspielmethodischen Kompetenzen fit gemacht. Das Stück hatte dann im Theater Premiere.  Und mit einer 5. Klasse habe ich „Momo“  inszeniert.  

KR   
Was ist anders bei Kindern als bei Erwachsenen?

JP

Kinder erschließen sich  Theaterstoffe viel spielerischer als Erwachsene.  Sie bringen oft eine ungehemmte Lust am Probieren mit und trauen sich meistens schneller, auf der Bühne emotional  und wesentlich zu werden. Da muss ich bei den Älteren viel mehr graben und erst einmal die Hürden der Gruppenzwang-Mentalität sprengen.  Ich muss in der Arbeit mit Kindern  direkter und purer formulieren, was ich von ihnen möchte. Der Ton am Theater ist sehr oft ein ironischer und man redet unendlich viel um eigentliche Probleme herum, um Ängste,  Schwächen oder Aggressionen zu verbergen.  Kinder kann ich besser abholen, wo sie sind, weil sie sich zeigen. Das macht die Arbeit auf der einen Seite  leichter. Auf der anderen  ist es schwer, ihre Konzentration  über längere Zeit zu halten. Sie ist aber für die Arbeit wichtig, weil es ja, anders als bei theatertherapeutischen Prozessen, bei den theaterpädagogischen immer ergebnisorientiert zugeht. Das heißt: ich möchte mit den Kindern etwas erarbeiten, was in einem künstlerischen Produkt endet. Das ist nicht immer nur Spaß und Spiel sondern manchmal nervig und strapaziös.   

 

KR
 Ist es eigentlich schwierig, eine Lesung für Kinder zu machen? Was muss man beachten - und was ist hier anders als bei Erwachsenen?

JP
Anders als bei Erwachsenen muss ich auch hier um die Konzentration kämpfen. Kinder geben sehr eindeutig zu verstehen, wenn sie sich langweilen und damit ist ja niemandem geholfen. Also versuche ich, sie zu packen, indem ich eine Strichfassung erarbeitete, die viel wörtliche Rede enthält, um die Figuren plastischer darstellen zu können. Die Fassung darf auch nicht zu lang werden. Und  ich rückversichere mich, ob alle Fremdwörter oder Eigennamen klar sind. Denn erfahrungsgemäß schaltet man schneller ab, wenn man Dinge nicht versteht. Und nicht immer traut man sich, zu fragen. Manchmal gibt das der Rahmen ja auch gar nicht her.  Zum Thema Requisiten kann ich nur sagen: ich liebe sie.  Ich fand den Zeichenunterricht in der Schule am spannendsten, weil mein Lehrer sich die Mühe machte, zerbrechliche Jugendstilvasen auf seinem Fahrrad zu transportieren, um uns  begreiflich zu machen, wie der Jugendstil aussieht.  Ich persönlich lerne auf diese Weise am besten, weil meine Sinne angesprochen werden und das gebe ich gerne weiter.

 

KR
Wieso hast Du Dich bei der Lesung im Museum Schnütgen für "Die furchtlosen Fürchterlinge" von Nikola Huppertz entschieden?

JP
Es war mir wichtig, das Thema „Wilder Mann“ zumindest in abgewandelter Form bei der Lektüre aufzugreifen. Da eignet sich Nikola Huppertz' Buch sehr gut und es ist verständlich und klar und damit für die Altersgruppe geeignet. Außerdem mochte ich, dass die Geschichte von einem Abenteuer erzählt. Ich habe mir das für die Kinder spannend vorgestellt.
Der Protagonist ist ein Junge namens Lovis, der anfangs eher wie ein Antiheld wirkt. Man lernt ihn in seinem Schulalltag kennen. Diktate schreiben liegt ihm nicht so sehr und die Freundschaft zu seinem besten Kumpel Fabi wird gerade durch einen obercoolen Jungen namens Josch bedroht. Dennoch freut sich Lovis auf den Schulausflug am nächsten Tag. Josch und Fabi machen aber auch beim  Ausflug gemeinsame Sache. Lovis fühlt  sich ausgegrenzt und da kommt ein verrücktes Mädchen namens Merle ins Spiel, die ihn sofort in ihre Begeisterung für Spinnen verwickelt. Trotz der willkommenen Ablenkung kann Lovis sich nicht verkneifen,  Josch die Tour zu versauen und versteckt heimlich dessen Gameboy in einem Astloch.  Als Fabi und Josch schon weit hinter der Gruppe zurückliegen weil sie den Gameboy suchen und außerdem Merle Wind von der Sache bekommen hat, gibt Lovis das Versteck preis und erntet unerwartet Joschs Dank. Die Kinder stellen plötzlich erschrocken fest, dass sie die anderen verloren haben und am  meisten verzweifelt daran nicht etwas Lovis, sondern der coole Josch. Aber sie machen aus der Not eine Tugend und gründen auf Merles Initiative hin eine Räuberbande namens „Die furchtlosen Fürchterlinge“, die ihren eigenen Ehrenkodex und sogar eine eigene Räuberhütte hat. Schließlich endet alles gut und die Kinder werden von zwei Polizisten namens Mesut und Sebastian gerettet und wieder zum Bus gebracht.  „Wusste ich’s doch, dass Wandertage etwas Gutes sind“ resümiert Lovis am Ende und bringt die Geschichte damit zum Schluss.
Für mich liegt die pädagogische Bedeutung  der Geschichte in vielerlei Dingen: zum einen darin, dass Vorurteile sich, wie so oft im Leben, als falsch erweisen. Der Antiheld Lovis, der anfangs  eher als etwas ein  ängstlicher,  zurückhaltender und defensiver Junge gezeichnet wird, ist in der Notsituation ein vorwärtsschauender, einfühlsamer  und mutiger.  Der anfangs coole Josch wird hingegen sehr emotional und fängt als einziger an, zu weinen.  Das einzige Mädchen der Gruppe hat den meisten Schneid und nimmt die Sache sehr pragmatisch („Los Jungs: Hütte bauen“)  Diese Erkenntnis finde ich für Kinder sehr wichtig. Dann mag ich sehr, wie die Kinder der Angst begegnen, nämlich offensiv. Sie tun was, um ihre Angst vor dem Verlorensein zu besiegen: sie schwören sich, selbst furchtlos und für andere fürchterlich zu sein. Damit geben sie sich Kraft und Stärke.
Und letztlich finde ich auch den Ansatz, gemeinsam stark zu sein für Kinder wichtig. Die Isolation, das ausgegrenzt sein ist bestimmt für viele Kinder ein Thema und die Geschichte zeigt, wie tröstlich und gut es ist, sich zusammenzutun.
Und dass ein Polizist in einer Kindergeschichte unkommentiert Mesut heißen darf, bringt mich zwar  etwas zum Schmunzeln, ist aber ein schöner Versuch,  den Kindern unaufdringlich zu erzählen, was  Realität ist: die nationale Vielschichtigkeit unserer Gesellschaft.     

    
 

KR

Du hast ja nun schon einige Projekte mit dem Museumsdienst mitgemacht. Welches hat Dir denn besonders gefallen?

JP
Das Projekt zu den Arbeiten von A.R. Penck!

KR
Was kann man von Schauspielern im Museum lernen?

JP
Kunst am ganzen Körper erfahrbar zu machen und sie nicht nur intellektuell zu erfassen.
Hemmungen abzubauen, sich zu präsentieren und einmal in die Trickkiste der Schauspieler zu greifen was das In-Bann-Nehmen von Zuschauern betrifft.
Mut  entwickeln, sich klar vor anderen auszudrücken und den Körper bewusst mitsprechen zu lassen. Durch ein gutes Körperbewusstsein wächst auch das Selbstwertgefühl und damit die Strahlkraft auf andere Menschen.
Ungewöhnliche Betrachtungsperspektiven zu entwickeln und nicht der allgemeinen Rezeption zu folgen. Das fördert die Persönlichkeitsentwicklung.